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Passt es noch für mich?
Artikel über die Herausforderung der richtigen Situationsabschätzung in unseren Fluggeländen
Zielgruppe: Gebietsunerfahrene mit weniger als +/- 100 Flügen i. d. Pfalz
Unsere Gelände zeichnen sich durch komplizierte, unübersichtliche und anspruchsvolle orografische Verhältnisse aus. Weite Almwiesen, große Landeplätze, viel Höhenunterschied – davon träumen wir nur! Die Konsequenz ist, dass unser Start-/Ländeplätze anspruchsvoll, wir mit wenig Luftpolster über die Bäume „kratzen“ und mit komplizierten und nicht direkt ersichtlichen Leefallen konfrontiert werden.
Die anspruchsvollen Gelände machen Fehler wahrscheinlich und der geringe Höhenunterschied und die häufig weiten Wege zu den Landeplätzen sorgen für wenig Fehlertoleranz.
Zudem haben wir in unserem Verein einen sehr hohen Anteil an langjährigen Vielfliegern. Viele von denen sind schon über 10 Jahre quasi jede Woche an unseren Bergen und verfügen daher über eine beeindruckende Erfahrung und Flugpraxis. Das erlaubt ihnen, auch grenzwertige Bedingungen noch sicher zu befliegen. Doch durch Ihre Anwesenheit in der Luft verschieben sie auch automatisch die Bedingungen, in denen alle anderen Piloten noch fliegen. Der erste in der Luft zieht automatisch alle anderen nach sich.
Unser Sicherheitsreferent macht jedes Jahr in der Streckensaison darauf aufmerksam. Jeder muss sein Können möglichst objektiv mit den aktuellen Bedingungen in der Luft abgleichen. Und zwar unabhängig davon, ob andere schon Fliegen! Denn wenn die Erfahrenen noch sicher fliegen, heißt dass nicht, dass der ganze Rest das auch noch kann. Die tatsächlichen Flugbedingungen abzuschätzen, wenn die erfahrenen Vielflieger ihre Kreise über dem Startplatz ziehen, ist jedoch aus verschiedenen Gründen schwer:
Nr.1) Geräte
Vielflieger fliegen Dudde, die deutlich besser gleiten. D.h. wenn es richtig bläst, kommen die gegen den Wind einfach noch zum Landeplatz, während die 1-2er zum Absaufen verdammt sind. Absaufen hat bei uns aber einen speziellen Namen: Wir sagen dazu "Baumlandung". Denn das folgt unweigerlich in den meisten Fällen daraus. Zwischen Start und Landeplatz gibt es eben (fast) nur Bäume.
Nr. 2) Differenz zwischen optischer Wahrnehmung und Realität
Eine Menge Schirme unsere Erfahrenen sind alle in der Luft und ziehen scheinbar in ruhigster Luft gemütlich Ihre Bahnen über dem Startplatz. Automatisch verspürt man Herzklopfen und fast nicht zu bändigende Vorfreude! Also schnell Schirm aufziehen und raus!
ABER: Das was da oben gerade so butterweich und gemütlich aussieht, kann bockige Starkwindthermik sein. Es sieht dann nur so gemütlich aussieht, weil die Jungs und Mädels das aktive Fliegen in rauen Bedingungen über Jahre hinweg verinnerlicht haben. Und so steht bei denen auch bei starken Turbulenzen die Dudd allzeit steif über'm Kopf und zudem kommen sie mit ihren schnellen Schirmen noch akzeptabel voran.
Nr. 3) Geländeerfahrung
Gerade die eigene, mehr oder weniger große Geländeerfahrung nimmt wesentlichen Einfluss auf den Flug.
Zur Geländeerfahrung gehört neben der allgemeinen Erfahrung insbesondere das Wissen, welche Gefahren sich bei verschiedenen Windrichtungen und Stärken bei den verschiedenen Fluggeländen ausbilden können (Bspw. Westwind ist nicht gleich Westwind). Denn jeder Tag und jeder Flug ist verschieden und birgt unterschiedliche Gefahren! Außerdem kennen die Gebietserfahrenen die Stellen, wo es bei den verschiedenen Windsituationen hoch und runter geht… und das nutzen sie für ihre Flugplanung.
Dieser Punkt ist erheblich komplexer als es den Anschein hat. Bis man hier durchblickt, benötigt man viele Jahre regelmäßiges Fliegen in unseren Geländen – also das, was unsere Erfahrenen schon hinter sich haben. Doch genau diese langjährige Geländeerfahrung ist für die Unfallwahrscheinlichkeit entscheidend! Du glaubst es nicht? Der nachfolgende reale Erfahrungsbericht zeigt diesen Anspruch auf.
Geländeerfahrung ist entscheidend!
Auch gutes theoretischen Backgroundwissen und regelmäßige Flugpraxis kompensieren nicht mangelnde Geländeerfahrung. Davon kann ich inzwischen ein Lied singen…
Worum geht's?
Vier Piloten - drei Erfahrene (langjährige Piloten mit sehr viel Geländeerfahrung) und ich (fortgeschrittener Anfänger mit ca. 300 Flügen) starteten bei zweifelhaften Bedingungen am Förle. Drei der Piloten flogen durch halbwegs ruhige, zumindest sichere, Luftmassen zum Landeplatz. Einer hat sich zwei Rotoren bis dorthin ausgesucht. Einmal darfst du raten wer! Zufall? Zufällig hat es eben den Unerfahrenen erwischt und nicht die Erfahrenen? Vereinsstatistisch betrachtet ist das unwahrscheinlich.
Und so kam’s
Am Startplatz wussten die alten Hasen sofort, dass etwas nicht stimmt. Daher haben Sie bei Ihren Starts nicht nur auf gute Startbedingungen gewartet, sondern auch darauf, dass die Luftmassen vor dem Startplatz halbwegs fliegbar waren (sich also eine halbwegs zuverlässige NO-Phase abzeichnete). Als ich an der Reihe war, startete ich direkt in die erst-beste Phase, in der alle Windspione Vorwind zeigten. Konsequenz: Der Start war wunderbar - ich hatte mich aber nicht um turbulenzarme Luft vor dem Startplatz gekümmert. Folglich war sie es eben auch nicht!
Die Startbedingungen:
Vorgefundene Windsituation. Schwach bis moderat, drehend von NO bis NNO, leicht böig. Ideale Startbedingungen.
Was haben nun die Erfahrenen erkannt? Es war: Die Böigkeit!
Böig ist es bei uns ja immer. Mal stärker, mal schwächer.
Die vorgefundene Böigkeit hatte aber nicht den erwartet thermischen Charakter, sondern eher überregionalen Charakter. D.h. relativ schnelle Windwechsel, Windzu- und -abnahme ging schneller als bei thermischen Böen. Bei thermischen Böen schwillt der Wind langsam an, bis er immer mächtiger wird und schließlich wieder abflaut. Die vorgefundene Böigkeit jedoch resultierte aus den Lee-Verwirbelungen des vorgelagerten Hohenberges.
Weshalb ist mir das nicht aufgefallen?
Die vorgefundene Böigkeit/Bedingungen hatte den Charakter stabiler Herbstbedingungen. Daher war mir die Situation und die vorgefundenen Bedingungen so vertraut (ich bin bei solchen Bedingungen schon bestimmt 100-mal problemlos gestartet). Das war der Grund, weshalb ich mir keine Gedanken darüber machte und damit natürlich auch das Problem nicht registrierte.
Die drei erfahrenen Piloten haben die Gesamtsituation jedoch erfasst und sind dann unter Einbeziehung Ihrer Erfahrung das Risiko bewusst eingegangen. Zudem haben Sie eben auch darauf gewartet, bis sie die Bedingungen als fliegbar einstuften. Ich, der relativ Gelände-Unerfahrene, hatte keine Chance eine Risikoabschätzung vorzunehmen, da ich das Risiko nicht ahnte. Diese Rotoren kamen für mich unerwartet.
Und erst im Nachhinein, als mir einer der anderen mit mir gestarteten Piloten diese Unterschiede noch mal mit viel Gestik ausführlich erläuterte, ist bei mir der Groschen gefallen! Sehr wahrscheinlich hätten viele Piloten mit einem vergleichbar (geringen) Erfahrungsschatz wie ich denselben Fehler begangen. Und in unseren Geländen lauern viele dieser „Kleinigkeiten“
Fazit
Was haben die Erfahrene besser gemacht? Zu allererst - und das ist der entscheidende Aspekt: Sie wussten, was sie taten.. und wussten so, was sie in der Luft erwartet und konnten so Einfluss auf die Situation nehmen. Ich war ahnungslos und war von meinem direkt vorhergegangenen ruhigen und langen Flug geblendet.
Es beweist eindrücklich, wie leicht man einer vorgefundenen Situation keinerlei Beachtung schenkt, wenn man keine Auffälligkeiten entdeckt – auch wenn man eigentlich wissen müsste, dass an diesem Tag andere Bedingungen zu erwarten sind! Das ist der Punkt, den die Erfahrenen uns Anfängern voraus haben: Die Sinne sind geschult, und somit fallen ihnen Kleinigkeiten auf, die wir nicht wahrnehmen! Oder sie haben solch eine Situation schon einmal erlebt und können so die Startbedingungen mit einer aus der Vergangenheit bekannten Situation abgleichen.
Die Erfahrenen haben erheblich mehr Möglichkeiten auf ihre eigene Situation Einfluss zu nehmen als ein Anfänger/Unerfahrener. Sie fliegen schon so lange, haben schon so viele Erfahrungen gesammelt, dass sie Kleinigkeiten bemerken, die ein Anfänger nicht registriert. Das Fluggerät, Flugkönnen, Wissen und enorme Erfahrung sind die Aspekte, die dafür sorgen können, dass auch bei kurz hintereinander erfolgenden Starts die Vielflieger problemlos fliegen und der Anfänger ernstzunehmende Probleme bekommt. Es ist also keinesfalls als Aufforderung zum Starten zu interpretieren, wenn die Erfahrenen bei Bedingungen fliegen, wo man sich selbst nicht wirklich sicher ist!
Dieses Beispiel demonstriert zudem, dass die Situation häufig erheblich komplexer ist als es den Anschein hat. Aber es gibt noch hunderte andere dieser Kleinigkeiten, die mir/dir keiner erzählt, weil sie die Erfahrenen aufgrund jahrelanger Geländeerfahrung einfach automatisch wahrnehmen. Und diese Kleinigkeiten warten in unseren Geländen nur darauf, bis ein Gleitschirmflieger sie in der Praxis kennen lernt.
Übersieht ein alter Hase mal so eine Kleinigkeit, dann kann er häufig durch seine Routine und Flugkönnen sein Fluggerät irgendwie am Fliegen halten und kommt so mit einem erhöhten Adrenalinpegel am Landeplatz an. Die anderen zappeln unterdessen schon in den Bäumen und nehmen den Service von Peter in Anspruch!
Fordere von den alten Hasen Unterstützung an!
Nutze die Erfahrung der Erfahrenen! Sprich vor JEDEM Flug einen an und bespreche mit ihm den bevorstehenden Flug! Auch wenn es schon der dritte Flug am Tag im selben Gelände ist! Der Erfahrene freut sich, dass er um Rat gefragt wird. Du wirst also auf offene und hilfsbereite Ohren stoßen (na gut – die Ohren sind vielleicht nicht direkt hilfsbereit, aber das dazugehörige Vereinsmitglied).
Viele der Vielfliegern wurden aufgefordert, ihr Wissen proaktiv mit Anfängern und Gelegenheitsfliegern in unseren Geländen zu teilen. Wundere dich also nicht, wenn du in Zukunft angesprochen wirst! Insbesondere fordere auch selbstständig diese Informationen und Hilfe an! Du hast einen Anspruch darauf!
Bitte bedenke dabei jedoch:
Normalerweise geben Piloten nur ungern Ratschläge an andere ab. Zum einen weil man Angst hat, jemand ungerechtfertigterweise am Fliegen zu hindern. Oder noch schlimmer - bei positivem Starttipp passiert ein Unfall.
Daher musst du trotz einem evtl. erhaltenen Tipp letztendlich die Startentscheidung eigenverantwortlich und selbst treffen! Dir wird daher auch keiner böse sein, wenn du ein Tipp - egal wie - ignorierst! Und übrigens: Erfahrung sammelt man auch, wenn man einfach nur anwesend ist und nicht fliegt – kein Tag am Berg ist verloren!
Am besten, du verabredest dich im Vorfeld mit einem Vereinsmitglied– stelle deine Anfrage in die Babbelbox auf unserer Homepage! Du bekommst garantiert schnelle und freundliche Hilfe!
Wir wünschen allen Piloten ein erfolgreiches, flugreiches und vor allem unfallfreies Flugjahr 2010!
Und zum Schluss:
Runterlaufen ist bei uns normal - auch Cracks laufen regelmäßig den Berg wieder runter, wenn andere noch fliegen (Und das ist keine leere Floskel!). Und als Anfänger musst du dir bewusst sein, dass du in den ersten Jahren viel Runterlaufen wirst. 2009 bin ich lediglich in 40% aller Fälle, an denen ich am Startplatz war, auch wirklich geflogen (Meistens hatte es aber andere Gründe - meine Flugsucht hat mich einfach in meiner freien Zeit - auch wenn es fast unfliegbar aussah - auf den Berg gezogen). D.h. deine Laufen-Flug-Statistik muss nicht so schlecht sein wie meine - aber stelle dich drauf ein: Fliegen in der Pfalz bedeutet am Anfang vor allem eins: "Wandern mit Gepäck" - das sollte dir also zumindest etwas Spaß machen! Du wirst aber garantiert irgendwann mit tollen und völlig beeindruckenden Flügen belohnt, wie du sie in den Alpen niemals erleben wirst!
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ein wirklich schöner Bericht den du da geschrieben hast. Das unsere Fluggelände nicht ohne sind habe ich in einer ähnlichen Situation am Förle feststellen können. Wärend die einen scheinbar ohne Probleme starteten, haben andere sich regelrecht rausgewürgt, unter anderem auch ich. Hatte auch nach dem Start böße einen auf die Kappe gekriegt und glück gehabt dass es nicht im Baum endete. Deshalb läuft man als unerfahrener, wie ich, lieber einmal zuviel als einmal zuwenig runter.
Viele Grüsse Ralf